Als Wälder zu Forsten wurden

Die Landschaft wie wir sie kennen gibt es noch nicht lange. Vor 200 Jahren war unser Land noch nicht in Rechteck und Quadrat geordnet. Uralte Bäume spendeten in einem Mosaik aus Wald und Offenland den frei umherlaufenden Herden hiesiger Gemeinschaften Schatten und durch Früchte wie Eicheln und Bucheckern auch Nahrung. Die Menschen lebten vom Wald - manchmal sogar monatelang im Wald - und sie bewirtschafteten ihn nach Prinzipien die teilweise seit Jahrtausenden bestand hatten. Durch die Form der Bewirtschaftung prägten Menschen und Tiere die Landschaft und schufen so gemeinsam artenreiche Ökosysteme. Viele der heute so bedeutenden Naturschutzflächen sind Relikte dieser vergangenen Tage. Zu Gunsten einer Intensivierung der Landnutzung wurde durch die Reformer des 19. Jahrhunderts das vormals enge Band zwischen Mensch und Natur getrennt. Nicht mehr Holz und Nahrung war das Ziel, sondern der Gewinn, der daraus erzielt werden konnte. Im Folgenden lassen wir euch eintauchen in die Welt der traditionellen Landnutzung und führen euch durch unsere historischen Studien an einen Punkt der Menschheitsgeschichte, der unseren Umgang mit der Natur, aber auch unsere Kultur wie kaum ein anderes Ereignis veränderte.

 

Die traditionelle Waldnutzung war vor der Forstreform davon gekennzeichnet, dass viele, heutzutage als „Nebennutzungen“ titulierte Bewirtschaftungsformen weitaus übergeordneter waren, als die heute im Fokus stehende Holzproduktion. So war der Wald nicht nur ein Teil der Landwirtschaft und trug als essentieller Bestandteil dörflicher Subsistenzwirtschaft zum Überleben der Landbevölkerung bei, auch lieferte er der Landbevölkerung Rohstoffe für den täglichen Gebrauch. Sowohl Selter als auch Hölzl verweisen darauf, dass das Maß der Abhängigkeit der Landbevölkerung vom Wald an die topographischen Bedingungen der jeweiligen Regionen gebunden war.

 

In der landwirtschaftlichen Produktion der damaligen Zeit fungierte der Wald zu einem erheblichen Teil als Nährstoffreserve. Diese Nährstoffe waren beispielsweise für die Ernährung des Viehs von zentraler Bedeutung. So waren es vor allem die Waldmast von Schweinen aber auch die Waldweide anderer domestizierter Nutztierarten, welche primär einer landwirtschaftlichen Nutzung zugeschrieben werden können.

Die Waldweide, welche gemäß Hasel & Schwartz bereits seit „ältesten Zeiten“ betrieben wurde, stellte einen fundamentalen Bestandteil dörflicher Waldnutzung dar. Um die Tiere während der Vegetationsperiode auf beweidungsgünstige Areale zu treiben, wurden sie in größeren Dorfgemeinschaften unter die Obhut eines Dorfhirten gestellt, wohingegen in kleineren Weilern und auf Einödhöfen oftmals Kinder die Verantwortung für den Viehtrieb übernahmen. So wurden Großvieh wie Rinder und Pferde, aber auch das von Hasel & Schwartz als „Vieh des armen Mannes“ (2002, S. 203) bezeichnete Kleinvieh wie Ziegen und Schafe vom Beginn des Frühlings bis spät in den Herbst von der Landbevölkerung hinaus ins freie Land getrieben, wo es sich auf Wiesen, in Mooren aber auch im Buschland und vor allem in den Wäldern eigenständig Futter suchen konnte. Diese Praxis im Gegensatz zur Stallhaltung den Vorteil, dass sich eine aktive Fütterung durch den Menschen zu einem Großteil auf die Wintermonate reduzierte. Diesbezüglich merkt Beck Folgendes an: „Das Vieh nahm den Menschen einen Teil der Arbeit ab, es war ferner in der Lage, seine Nahrung an den unterschiedlichsten Plätzen zu finden“ (2003, S. 28). So blieben beispielsweise in der Region des Bayerischen Waldes die Rinder während der warmen Jahreszeit ununterbrochen in den Weiten der bergigen Wälder, die die Dörfer umgaben, und nur die Milchkühe wurden jeden Abend aufs Neue in den Stall getrieben. Die Anzahl der Rinder, die sich im Besitz der einzelnen landwirtschaftlichen Betriebe befanden, variierte stark und war daran gebunden, wie viele Tiere durch den Winter gebracht werden konnten.

Wie unterschiedlich sich Betriebsgrößen und Besitzverhältnisse innerhalb der Landbevölkerung gestalteten, sollen folgende Beispiele verdeutlichen:

Im Bayrischen Wald des Jahres 1837 unterhielt ein Vollbauer eine Herde von etwa 15 Rindern. Kleinere Viehbesitzer, wie beispielsweise ein Bäcker, der Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieb, besaß hingegen eine Herde von lediglich drei Tieren.

In anderen Regionen Deutschlands wie dem Spessart, in denen, bedingt durch die Topographie der Dörfer, viele Kleinbetriebe existierten, war der Viehbestand vergleichsweise gering und bestand meist aus lediglich einer Muttersau oder einer Kuh samt Nachwuchs.

Doch nicht nur Paarhufer, auch die Pferde, die von den Dorfhirten zur Weide in die Wälder getrieben wurden, besaßen eine wichtige Rolle für die dörfliche Ökonomie, da die Tiere die Fuhrwerke der Landbevölkerung zogen.

In vielen Gemeinden des Bayrischen Waldes stellte Rindvieh, neben Leinen, das einzige Exportgut dar, welches auf (über-) regionalen Märkten veräußert werden konnte. Diesbezüglich merkt Hölzl folgendes an: „Für die größeren Bauern, die Schlachtvieh zogen, aber auch Pferde für den lokalen Bedarf züchteten, zählte der Staatswald sogar zur primären Wirtschaftsgrundlage“ (Hölzl 2010, S. 194). Erst durch den Verkauf von Exportgütern konnten die Bewohner des Bayrischen Waldes auch die wenigen Konsumgüter erstehen, von deren Import sie abhängig waren. Der Wert von Rindvieh als Exportgut wird auch daran deutlich, dass die Landbevölkerung dieser Region selbst kaum Fleisch aß.

Wälder, in denen eine ausgeprägte Weidewirtschaft dominierte, entwickelten sich mit der Zeit zu den so genannten Hudewäldern, auf die im weiteren Verlauf noch genauer eingegangen werden soll.

Auch die Waldstreunutzung stand im engen Zusammenhang mit der Viehhaltung. So diente sowohl trockenes als auch frisches Laub dem Vieh als Futter, wenn es sich in den Stallungen aufhielt. Darüber hinaus besaß die Waldstreu als Dünger eine besondere Bedeutung. In Regionen, in denen viele Kleinbetriebe durch einen geringen Viehbestand auf eine externe Düngerzufuhr ihrer Felder angewiesen waren, wie dies beispielsweise im Spessart der Fall war, war die dörfliche Ökonomie in besonderem Maße von Waldstreu als Nährstoff abhängig. Ebenso führt Selter auf, dass die Praktik des Plaggenhiebs (Abstechen der Narbe auf Gras- und Heideböden) dazu dienen sollte, eine externe Düngerzufuhr zu gewährleisten. Laut Hasel & Schwartz war die Waldstreunutzung noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nur partiell verbreitet. Als sich im weiteren Verlauf des Jahrhunderts die Stallfütterung immer weiterverbreitete, führte dies zu einem gestiegenen Bedarf an Streu.

Zusätzlich wirkte nach auch eine Umstellung der Agrarerzeugnisse auf den Waldstreubedarf zu dieser Zeit:

„Durch den jetzt aufkommenden Anbau von Futter- und Handelsgewächsen, von Kartoffeln, Tabak und Hopfen, ging der Getreideanbau und damit auch der Strohertrag zurück und erhöhte erst recht den Bedarf an Waldstreu“ (Hasel & Schwartz 2002, S. 205).

 

Das Sammeln von Waldstreu erfolgte teilweise in einem erheblichen Ausmaß: „Im Herbst zog das ganze Dorf mit Vieh und Wagen in den Wald, um Streu zu holen“ (Hasel & Schwartz 2002, S. 205).

Wie die Waldstreunutzung, so stand auch das Grasschneiden in einem direkten Zusammenhang mit der Viehhaltung. So waren es vor allem wenig bemittelte Dorfbewohner, welche darauf angewiesen waren, auf oft stundenlanger Suche nach geeignetem Futtergräsern die Wälder zu durchstreifen.

 

 

Auch Waldfeldbau ist in Deutschland bereits seit dem Mittelalter dokumentiert und besaß eine weite Verbreitung. Je nach Region bildeten sich verschiedene Bezeichnungen für diese Form der Landnutzung aus. Die Begriffe „Hackwald, Hauberge, Reutberge, Birkenberge, Schiffelland“ (Hasel & Schwartz 2002, S. 208) stehen alle samt für eine Mischbewirtschaftung aus Niederwald und landwirtschaftlichem Fruchtanbau. Birken, aber auch andere Baumarten wuchsen auf den Flächen, die nach 15 bis 40 Jahren im Rahmen der (Brenn-) Holzproduktion geerntet wurden. Nach dem Abbrennen der Krautschicht konnte in den beiden darauffolgenden Jahren eine Nutzung der Fläche als Acker erfolgen. Am Ende dieses Bewirtschaftungsablaufs wurde nach der kurzzeitigen Beweidung durch Vieh ein erneuter Anflug von Birkensaat zugelassen, sodass der Zyklus von neuem begann. Der besondere Vorteil dieser Form der Bewirtschaftung lag darin, dass die Flächen „Holz, Weide, Streu und Getreide zugleich und zwar ohne große Mühe und Auslagen liefert[en]“ (Lidl 1865 S. 102). Diese Form der Bewirtschaftung, in der sich Wald und Feld in einem Nährstoffkreislauf befanden, war in den Mittelgebirgsregionen typisch für die Ökonomie traditioneller Gemeinschaften des 18. und 19 Jahrhunderts.

 

Bedingt durch den beschriebenen Charakter der dörflichen Ökonomie war die Landbevölkerung, vor allem in waldreichen Mittel- und Hochgebirgsregionen, zu einem erheblichen Anteil auf die Nutzung des Waldes angewiesen. Das Maß der jeweiligen Abhängigkeit der Landbevölkerung von den Wäldern beruhte nicht nur auf den gegebenen topographischen, sondern auch auf den sozialen Strukturen. Benutzten die Bauern des Bayrischen Waldes, die ebenso über eigene private Flächen in Form der Birkenberge verfügten, die sie umgebenden Waldungen als Rücklage ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten, so stellte der Staatswald für viele Bewohner des Spessarts die essentielle Grundlage ihres Überlebens dar.

Nicht nur auf einer klassisch landwirtschaftlichen Ebene diente der Wald der Bevölkerung als Nahrungsgrundlage. Es wurden ebenso Früchte des Waldes wie Erd-, Heidel- und Wacholderbeeren aber auch Nüsse, Bucheckern und Pilze gesammelt. Bürger verweist für Westfalen ebenso auf die Wilderei, die unter der Landbevölkerung des 19. Jahrhunderts teilweise sehr weite Verbreitung fand. Der gemäß Bürger häufig tödliche Konflikt zwischen Wilderern und der staatlichen Obrigkeit soll hier trotz gegebener Relevanz nur genannt, jedoch nicht weiter beleuchtet werden.

 

 

Quellenverzeichnis

 

Beck, Rainer (2003): Ebersberg oder das Ende der Wildnis. München: Verlag C.H. Beck

Bürger, Peter (2018): Krieg im Wald- Forstfrevel, Wilddiebe und tödliche Konflikte in Südwestfalen. Norderstedt: Books on Demand.

Hasel, Karl; Schwartz, Ekkehard (2002): Forstgeschichte. Ein Grundriss für Studium und Praxis. 2. Auflage. Remagen: Verlag Dr. Kessel.

 

Hölzl, Richard (2010): Umkämpfte Wälder. Die Geschichte einer ökologischen Reform in Deutschland 1760-1860. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Klauprecht, Johann L. (1826): Forstliche Statistik des Spessarts. Aschaffenburg: Knode.

Königlich Bayerisches Ministerial-Forstbureau (Hrsg.) (1861): Die Forstverwaltung Bayerns. Beschrieben nach ihrem damaligen Stande vom Königlich Bayrischen Ministerial-Forstbureau. München: Wolf & Sohn.

Küster, Hansjörg (1995): Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck’sche Verlagshandlung.

 

Lidl, Max (1865): Landwirtschaftliche Reise durch den Bayrischen Wald. Regensburg: Friedrich Pustet.

Marquardt, Bernd (2002): Gemeineigentum und Einhegungen -Zur Geschichte der Allmende in Mitteleuropa. Vortrag auf der ANL-Fachtagung "Allmende- in alle Hände? Eigentumsformen für eine nachhaltige Entwicklung" vom 18.-20. April 2002 in Laufen a. d. Salzach. URL:https://www.anl.bayern.de/publikationen/berichte/doc/ber26003marquardt_2002_geschichte_der_allmenden.pdf Letzter Zugriff: 15.06.2019

Oefelein (1857/58): Jahresbericht des Gerichtarztes Dr. Oefelein zu Rothenbuch pro 1857/58. In: Hecht, Julia; Reder, Klaus (2002): Die Landgerichte Aschaffenburg und Rothenbuch um 1860. Amtsärzte berichten. Würzburg. S. 95. Nach: Hölzl, Richard (2010): Umkämpfte Wälder - Die Geschichte einer ökologischen Reform in Deutschland 1760- 1860. Frankfurt am Main: Campus Verlag. S.305

Reder, Heinrich (1861): Der Bayerwald. Regensburg: Pustet.

Selter, Bernwald (1995): Waldnutzung und Ländliche Gesellschaft- Landwirtschaftlicher ‚Nährwald‘ und neue Holzökonomie im Sauerland des 18. und 19. Jahrhunderts. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh GmbH.

Statistisch topographische Beschreibung des Landgerichtes Wolfstein im Unterdonaukreise (1830). (Als Muster zur Beschreibung aller übrigen Amtsgerichte im Unterdonaukreise nur zum Geschäftsgebrauche bestimmt.). Passau: Ambrosio